Ukraine 3.0

Aus Ukraine (1.0) vor dem Krieg (2014) ist Ukraine 2.0 im Zwischenkriegszustand geworden. Das wollten wir im Westen nicht wahrhaben und haben dem lächelnden Diktator zugehört. Das war, im Rückblick, bereits Kriegvorbereitung für das Jahr 2022. Das wollten wir ebenfalls nicht sehen. Jetzt verzweifeln wir an den Optionen für ein Ukraine 3.0. Fünf Themen aus der soziologischen Literatur unterstützen die Reflektion und zeigen Gestaltungsansätze auf:
(1) Reiter und Stam (2002) erinnern uns daran “democracies are less likely to go to war than authoritarian regimes. Democracies are more likely to enter war when the likelihood of success is high.” Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine ist auch das von Downing untersuchte Verhältnis von militärischen Konflikten und der Entwicklung von Verfassungen im 17. Jahrhundert interessant, wird doch von Russland heute noch die Meinung vertreten, dass die ukrainische Verfassung keine Paragraphen über NATO und/oder EU-Beitritt enthalten dürfe.
(2) Thomas Janoski (1998, S.146) hat bereits den Zusammenhang von Mobilisierung für den Krieg und die Frage von Staatsbürgerschaften und sozialen Rechten analysiert. Er konstatiert den Anspruch auf allumfängliche Staatsbürgerrechte für „veterans and civilians who have risked life and limb for the country“. Im Ukrainekrieg können wir das ergänzen mit dem Einsatz von Leben und Knochen für die Idee von Freiheit, Selbstbestimmung Rechtstaatlichkeit und Demokratie. Das heißt, Zugang schaffen zu unseren Arbeits- und Sozialsystemen und zwar für die Familien, die mit aller Härte unsere Werte verteidigt haben.
(3) Theda Skocpol (1979) hat in eindrücklicher Weise die Rolle von geopolitischen Verschiebungen und innenpolitischen Konsequenzen verdeutlicht. Sowohl die französischen, russischen und chinesischen revolutionären Umbrüche können als Folge von (verlorenen) Kriegen interpretiert werden. Goldstone (1991) vertritt komplementär die These, dass „intra-elite conflict and fiscal strains” als weitere hinreichende Bedingungen notwendig sind, damit Regimewechsel erfolgreich verlaufen können. Bezogen auf Russland im Ukrainekrieg sollte der „inter-elite conflict“ zwischen modernen wirtschaftlichen Eliten des Landes und der verkrusteten militärischen Corps als eventuell richtungsweisend betrachtet werden. Das Modernisierungs- und Demokratisierungspotential der Wirtschaftseliten wird durch die Sanktionen nachhaltig geschwächt, was die alten militärischen Eliten zusätzlich begünstigt. Die russischen Militärkader könnten bei gesichtswahrender Konfliktbeilegung ihre Macht gefestigt sehen. Das gilt es zu vermeiden. Ebenso, wie die klare Kante gegenüber regimestützenden Oligarchen. Einfach gesagt, schwierig im Detail.
(4) Charles Tilly (1985), der Autor von „War making and state making as organized crime” hat in 1995 die Analogie zur Hydraulik in der politischen Soziologie geprägt: Der Staat ist ein Becken von vielen Zu- und Abflüssen. Die Stabilität des Beckens besteht in der Fähigkeit, die unterschiedlichen Ströme auszubalancieren. Nicht antizipierte Ströme können die Balance nachhaltig stören, so dass das gesamte Becken kippt. Neben den externen Strömen stellen große soziale Bewegungen eine den externen Einflüssen vergleichbare interne Gefahr dar. Das würde bedeuten, der eigentliche Krieg bestreitet Putin und seine militärischen Eliten gegen seine eigene Bevölkerung, im Angesicht der Gefahr einer Demokratisierung der russischen Gesellschaft.
(5) Richard Falk (2002) fordert uns heraus, das Verhältnis von Globalisierung und Menschenrechten zu hinterfragen. Eine naive Erwartung, dass Globalisierung nach und nach eine Verbreitung und Verbreiterung an Menschenrechten mit sich bringen werde, wurde bereits 1999 von ihm bezweifelt. Die zähen Entwicklungen im Umfeld von Kriegen mit den einhergehenden Menschenrechtsverletzungen haben uns das heute auch in Europa vor Augen geführt. Es fragt sich, warum eine Direktive oder Empfehlung der EU-Kommission zur Einhaltung von Menschenrechten in Lieferketten von Unternehmen so lange blockiert wurde. Der Krieg in Europa macht uns unsere Verantwortung klar, entschiedener für die Verwirklichung und Einhaltung der Menschenrechte einzutreten. Wirtschaftssanktionen bei Menschenrechtsverstößen treffen immer auch die Auftraggebenden (russisches Gas), aber das werden wir aus- und durchhalten müssen, ansonsten werden wir zu Kollaborateuren (mehr dazu). Schuldig am Massaker an Unschuldigen, die wegen ihrer Herkunft ermordet wurden und werden. Originalbild von Poussin in der Sammlung Château Chantilly.

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Soziologie des Krieges

Wissenschaften haben ihre eigene Agenda. Ausgehend von dem Artikel „Sociology of War“ im Handbook of Political Sociology (Janoski et al. 2005) lässt sich die Aktualitätsgetriebenheit der Wissenschaft selbst am Beispiel der Sozialwissenschaften aufzeigen. Im Beitrag von Hooks und Rice (2005) werden die „blind spots“ der Soziologie in den letzten Jahrzehnten deutlich. Im Feld der politischen Soziologie wird deutlich, wie sich die Soziologie fokussiert hat auf „domestic politics and processes“. Lediglich die großen Gesellschaftstheorien, die meist längere Zeit zurückgehen, haben oft einen direkten Bezug zu Kriegen. Der Prozess der Zivilisation von Elias (1939) baut auf die schleichende Zivilisierung der Menschen und der Menschheit. Die dramatischen Rückschläge durch Krieg und Kriegsverbrechen stellen einen nachhaltigen Rückschlag für den Prozess der Zivilisation dar. In einer kleinen Tabelle von Hooks und Rice (2005) werden die soziologischen Beiträge zwischen den Jahren 1990-94 mit denen aus 1995-99 vergleichen (s.u.) Es zeigt sich eine Halbierung der Beiträge mit Bezug zu Krieg in den 3 größten amerikanischen soziologischen Zeitschriften (S.572). Soziologie hat das Themenfeld zunehmend der Politikwissenschaft und anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen überlassen. Aber was fehlt uns an Wissen nun. Soziologische Studien zum Verständnis des Kriegs in der Ukraine fehlen auf mindestens 5 Ebenen. Wie ändern sich die Einstellungen und Ungleichheiten zwischen den Individuen durch solche historischen Einschnitte? Ergeben sich neue Zäsuren für Geburts- oder Kriegskohorten? Verändert sich das gesamtgesellschaftliche Machtgefüge, insbesondere von alten/neuen Eliten? Wie verschiebt sich das europäische und internationale Machtgefüge?  Was heißt das für die Zukunft Europas? Vielleicht ein Update der Schuman-Deklaration (hier). Auch neue Formen des Widerstands sind möglich. Die können viele Formen haben. Zum Beispiel so.

Lehren der Ukraine

Denken und Gedenken an die Ukraine bedeutet auch Forschungsfragen neu zu stellen. Es gibt kein Weiterso mehr. Eine erste Themenauswahl der notwendigen Gedankenexperimente. Beispiele soziologischer Forschung zum Krieg:
(1) Generationeneffekte welche historischen Vergleiche zum Ukrainekrieg herangezogen werden. Putin versucht Bezug zum 2. Weltkrieg herzustellen, während Westen die Territorialrückgewinnung von Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion betont.
(2) Soziale Netzwerke werden eventuell neu formiert durch Rückbezug auf familiäre Bindungen statt breiteren Netzwerken. (3) Scheidungsraten durch kriegsbedingte Trennungen oder Rückbezug auf ethnische Bezüge verändern sich.
(4) Die Motivation für kriegs- oder zivildienstlichen Einsatz lässt sich zurückführen auf Gender, Identitäten, soziale Netze und Wertegemeinschaften oder auch den eigenen Lebensverlauf.
(5) Russlands Bedeutungsverlust vom „Core to Periphery“ in der Weltwirtschaft und Technologiekompetenz ist empirisch zu belegen.
(6) Individuelle Prädispositionen für Einsatz im Umfeld von Krieg sowie Stressmanagement, Verarbeitungsstrategien von derartigen Erfahrungen erfordern aufwendige Längsschnittuntersuchungen. Diese Studien zum Irak- oder Afghanistankrieg wurden vernachlässigt.
(7) Eine im Regionalbezug offene Frage bleibt, inwiefern Krieg zum „Institution building“ beiträgt. Das betrifft die Entstehung/Untergang ganzer Staaten, Regionen oder Bevölkerungsgruppen.
(8) Das UN-Gebilde mit differenzierten Zuständigkeiten, Sicherheitsrat, Vollversammlung, Internationalem Gerichtshof und Handelsorganisation wird einem Stresstest unterzogen und Reformbedarf offensichtlich.
(9) Viel Hoffnung wird auf den Zusammenhang von Krieg und Revolution gesetzt. Das Vertreiben von Despoten kann zu einer nachhaltigen oder intermittierenden Demokratisierung führen.
(10) Kriegsrelevante Produktion kann industriepolitische Veränderungen von großer Tragweite herbeiführen, je nach Stabilität oder Veränderung von regionalen Produktionsclustern oder Verwendung von neuen Technologien.
(11) Wer führt Krieg, Staatsführer, jeweilige verbundene Eliten oder breite Bevölkerungsgruppen (Guerilla)?
(12) Opportunitätskosten der Militärausgaben und -investitionen müssen kalkuliert werden, sowie die „keynesianischen“ Multiplikatoreffekte von derartigen „Konjunkturprogrammen“ und Staatsverschuldungen zusätzlich zu den „foreign direct investments“ innerhalb und zwischen Wirtschafts- beziehungsweise Militärallianzen. (siehe unten Grafik aus Economist 2022 zum 2% Ziel NATO).
(13) Wechselwirkungen zwischen den vorgenannten Themen erhöhen die Komplexität und zeigen die notwendige Bescheidenheit der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse im Vergleich zum Ausmaß der Aufgabe.

Ukraine Widerstand

Bei der Recherche zum Begriff der Kollaboration bin ich auf die grundlegende Arbeit von Poshek Fu (1993) gestoßen. Er spannt mit klarem Blick die moralischen und politischen Optionen in Zeiten von kriegerischer Besetzung eines Landes auf. Bewusst begibt er sich in die Grauzone der möglichen Verhaltensweisen in besetzten Regionen. Als eine literarisch und biografisch inspirierte Heuristik erläutert er in plastischer Form die Komplexität und Ambiguität des Verhaltens in extremen Situationen bei Präsenz von unmenschlichem Terror (S.XIV). Das dreiteilige Schema von möglichen Verhaltensweisen Passivität, Widerstand und Kollaboration lässt Raum für den „menschlichen Willen“ selbst unter extremen Bedingungen historischer Konstellationen, die überfrachtet sind mit Konfusion und moralischer Unsicherheit (S.XV). Sein komparativer literaturwissenschaftlicher Ansatz eröffnet interessante Zugänge zur Komplexität des Widerstands, von sich entwickelnden Kompromissen sowie der Ambiguität von intellektuellen Wahlmöglichkeiten, wie er es nennt. Sein literaturgeschichtlicher Ansatz sieht Literatur als „socially symbolic act, a mediated, symbolic response to a concrete historical situation“ (S. XVII). So kann sich Literaturgeschichte eine kritische Distanz zum Studienobjekt und -subjekt erhalten und kontextualisierte Literatur als empirisches Datenmaterial sekundär auswerten (Forschungsfeld: digital humanities). Auf diese Weise wird Literatur zu historischen Zeitperioden Grundlage für qualitative Sozialforschung, bestens geeignet für Hypothesengenerierung zu sozialen Prozessen oder Begriffsklärungen beziehungsweise Kategorisierungen. In diesem Beispiel erweitert sich der ansonsten schwer fassbare Begriff der Kollaboration um die logischen Handlungsalternativen der Passivität (innere/externe Emigration) und Widerstand (offene/verdeckte Gewaltbereitschaft). So können wir unsere zur Verfügung stehenden Optionen in Gedankenexperimenten zum „Krieg in Europa 2022“ (s.u. NYT vom 1.März 2022) schon gedanklich vorbereiten. Die Ukrainer*innen mußten rasch handeln, ohne viel Bedenkzeit oder waren sie seit dem Überfall 2014 bereits rational und emotional schon involviert inWiderstand, während wir im weiteren Westen die Gefahr noch ausblenden wollten.
Meine imaginäre Schuman Déclaration vom Mai 2020 liest sich aktueller denn je.
Fu, Poshek (1993). Passivity, Resistance, and Collaboration. Intellectual Choices in Occupied Shanghai, 1937-1945. Stanford. Stanford University Press.

Kollaboration Ost

“Collaboration in the Hollocaust”, von Martin Dean (2000) beschreibt die fürchterliche Teilung Polens durch Hitler und Stalin und die kurze Herrschaft der Bolschewiken im östlichen Teil Polens in 1940. Vielfache Verbrechen, Enteignungen, Deportationen und Zwangsumsiedlungen erfolgten dort. Die Ukraine machte erst die schreckliche Erfahrung durch Zwangsdeportationen der Sowjets und dann die noch schrecklichere des unbarmherzigen Naziterrors. Erneute Besetzung durch die Russen nach dem 2.-ten Weltkrieg und Atomreaktorunfall Tschernobyl haben die Leidensfähigkeit in unbeschreiblichem Ausmaß beansprucht. Die Zitate aus dem Buch von Martin Dean (2000) veranschaulichen das eindrücklich. Gleichzeitig finden sich Hinweise auf die unbeugsamen Partisanenkämpfe in den großen Wäldern der Ukraine in den Jahren 1942-44 (S.119). Das wird Russland in 2022 nur mit großer Brutalität eingrenzen können. Das heißt dann allerdings ein langes „Sich-hin-Ziehen“ des Konflikts. Die langen Grenzen der Ukraine kann Putin nicht einfach mit einer Mauer abriegeln, wie das in Berlin geschah.
Ein langer Flash-back mit Zitaten von Martin Dean (2000): „In several respects the subsequent German occupation adapted the methods developed by the Soviets during their brief period of rule” … “Both regimes also sought to exploit national rivalries between Poles, Ukrainians and Belorussians to assert their own authority through the traditional imperial policy of divide and rule.” (Dean, S.14). “The trauma of Soviet mass deportations, even for those who remained behind, left deep scars which still influenced all ethnic groups during the German occupation.
“It is indeed a strange irony that it was precisely the harsh Soviet policies of deportations and military conscription which did much to preserve Polish Jews from the fate of their brethren in the Nazi Holocaust.” (S. 16).
200.000 men born between1917-22 were called up to the Red Army from the new occupied territories in 1940.

Brüssel KBR 2022

Kollaboration

Kriege hinterlassen tiefe Wunden, bei allen Beteiligten. Die binäre Logik der Unterteilung in Siegende und Besiegte ist vielfach nicht ausreichend. Die Wunden selbst bei denen, die gesiegt haben vernarben nur langsam mit dem Risiko, dass sie nach Jahrzehnten erneut aufbrechen. Das schwierig zu bewertende Thema der Kollaboration innerhalb der Besiegten (bspw. Belgien und Frankreich) und dann Siegenden im 2-ten Weltkrieg verdeutlicht das. Die Literatur in Frankreich und Belgien zur Definition und Nachverfolgung der Kollaboration zeigt die Problematik auf. Das Vichy-Regime (nicht ganz Frankreich) hat kollaboriert mit immer weniger wirklichem Widerstand gegen das Verbrecherregime der Nazis (15.8.1945, Maréchal Pétain condamné à mort). Selbst die Kirche im gespaltenen Frankreich mit kollaborierender Regierung in Vichy und Exilregierung in London hat diesen Spagat vorgeführt. Ohne die vielfältigen Formen der Kollaboration wäre das Naziregime wohl schneller zusammengebrochen oder die anfängliche Ausdehnung hätte schneller gestoppt werden können. Andererseits wären die Grausamkeiten und Strafaktionen der Nazis auch noch größer gewesen, jenseits ohnehin schon unfassbaren Ausmaßes. Viele Personen, die Herrschaft indifferent gegenüberstehen arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabenden auf die eine oder andere Weise. Überleben, wenn man nicht zum heldenhaften Verhalten neigt, wird zur drängenden Frage. Was ist der Familie zumutbar? Wie stehe ich vor meinem Gewissen da? Diese Fragen stellen wir uns heute eher nicht. Nur wenn wir nach Bosnien-Herzegowina, die Krim und in die Ukraine blicken stellen sich diese Fragen wieder. Ist die 2-te Gaspipeline von Russland schon Kollaboration mit einem Unrechtsregime oder nur Sicherung der nationalen Energiesouveränität oder gar „Wandel durch Handel? Die moralischen Dilemmata bleiben die gleichen, Diplomatie bleibt die Antwort. Verhandeln. Menschlichkeit als gelebter Humanismus bleibt die Antwort, wenn Rechtskontext, Rechtsprechung und Rechtsvollzug in der internationalen Politik nicht mehr wirkmächtig sind. Für nachwachsende Generationen ist es eine schwierige Herausforderung, einzelnes Handeln und Verhalten zu kontextualisieren. Aber das ist unsere Verantwortung in und für Europa:  Kontexte verständlich zu machen und Vereinfachungen vorzubeugen. Binäre Logik ist selten zutreffend, obwohl künstliche Intelligenz letztlich darauf beruht, alles in 0-1-Schemata zu pressen. Das Farbensehen mit all seinen Varianten und Nuancen ist wohl eine Stärke unserer Spezies. Unsere Urteilsfähigkeit sollte davon beeinflusst werden und populistischen Strömungen mit grellen Farben und 0-1 Vereinfachungen widerstreben. Ausgewählte vertiefende Literatur zum Thema im pdf-file (s.u.).
Der geschichtssoziologische Blick interessiert sich nicht nur für die Lebensverläufe von Personen, sondern auch von Personen in spezifischen nationalen Kontexten, Regionen innerhalb von Staaten, Wirtschaftssektoren (Krupp) oder konfessionellen Zusammenhängen. Die Kontextabhängigkeit von individuellem Handeln wird dabei besonders deutlich, aber eben auch die Möglichkeit, Mut und Größe zu beweisen. Heute nennen wir das Zivilcourage basierend auf weisem Urteilsvermögen.

Experimente

Das Lese- und Studienbuch „Philosophische Gedankenexperimente“ erläutert aus geisteswissenschaftlicher und methodischer Sicht wie „Imagineering“ wissenschaftlich fruchtbar gemacht wurde und wird (siehe auch Baggini). Die Vorstellung der Methode „Gedankenexperimente“ (kurz GE) ermöglicht das systematische Verwenden des Ansatzes in anderen Lebensbereichen, beispielsweise in Therapie, Coaching und Evaluation. (Leseprobe). Eine aufschlussreiche, kritische Dissertation zum Thema von 2007 gibts auch schon von Tobias Klauk. Aber was ist ein philosophisches Gedankenexperiment? Georg Bertram postuliert dafür (1) eine philosophische Fragestellung, (2) die Konstruktion eines kontrafaktischen Szenarios und (3) Auswertung des Szenarios bezogen auf die Fragestellung (vgl. S.18). Der ökologisch wertvolle Charme des GEs besteht unter anderem darin, dass kein reales Experiment durchgeführt werden muss. Die Simulation von Szenarien in GEs durch Narrative (thick descriptions in der qualitativen Sozialforschung) und fiktionale Entwürfe in Literatur oder Film kann ressourcenschonend durchgespielt werden. Als Ergebnis des GEs lässt sich eine Widerlegung, Differenzierung, Vertiefung oder Bestätigung der Ausgangsfragestellung ableiten.
Wenig überzeugt hat mich im 1. Teil die Textpassagen „Zur Theorie philosophischer GE“ (S.27ff.), da die Theorie überwiegend darin besteht „eine kleine Typologie“ (S.35) zu erstellen. Vergleichbar der Farbentheorie von Goethe ist eine Sortierung von Farben nicht genug. von einer Theorie müssen Prozesse beschrieben werden können, die Erklärungen anbieten, warum uns rot als rot erscheint: Einerseits im Frequenzspektrum der aussendenen Quelle und/oder der empfangenden Netzhaut begründet, sowie der Materie dazwischen. Die Zuordnung in die Farbtypologie mit Rotschattierungen ist ein erster Schritt und hilft bestenfalls im alltaglichen Streiten über Farben. Also die 3 Formen der GE: erklärende Experimente, Experimente zur Änderung von Überzeugungen, und solche zur Schärfung und Innovation von Begriffen, bilden die Haupttypen (S.45). Typbeschreibend sind die Bedeutung fiktionalen Sprachgebrauchs, die Kreation eines narrativen Protyps, das mentale Modellieren, sowie die Auseinandersetzung mit dem kontrafaktischen Szenario (siehe Auszug 1 unten S.70-71). Als Zusammenfassung bietet Bertram (S.74 Auszug 2) 5 Schritte des GEs an, quasi als Anleitung zum Ausprobieren von Gedankenexperimenten.
Viel Spaß wünsche ich dabei. Im folgenden des Buches werden 44 GE-Beispiele vorgestellt, die vielen bekannt sein werden. Mich hat neben „Antigone“ (S.86), „Der natürliche Mensch“ (S.193) das Beispiel „Utopia“ (S.287) wegen direktem Bezug zu Imagineering inspiriert. Als etwas eingestaubt ist „Herr und Knecht“ (S.169) aufgefallen. Insgesamt ein toller Einstieg in eine der Methoden der „Imagination“ durch GEs.
Wer bis hierher durchgehalten hat wird mit „Gut-Gläubigen-GEs“ und „Feucht-Fröhlichem-Fest-Diner“ belohnt werden. GGGEs + FFFD hat Beethoven uns unvergesslich in seiner 5. Sinfonie in C-moll eingeprägt.

Beethovens GGGEs …
Bertram S.70-71
Bertram S. 74

Todesurteil

Aus einer systemischen Sichtweise (z.B. Luhmann pdf) heraus gehört das gesellschaftlich institutionalisierte Rechtssystem, kurz die Rechtstaatlichkeit, eingebettet in breitere gesellschaftliche Prozesse. Sicherlich hat sich die Sicht auf Strafen, wie die Todesstrafe, mit Foucault verändert, aber wesentliche Beiträge von Philosophen und Literaten hatten die Unhaltbarkeit der Todesstrafe nach ergangenem Todesurteil lange vorher kritisiert. Victor Hugo hatte bereits in seinem Werk „Der letzte Tag eines Verurteilten“ dramatisch geschildert, wie sich Hoffnung und Ängste aufdrängen. Justiz soll keine „Siegerjustiz“ sein, sie bleibt aber bestimmt durch mehr oder weniger demokratisch legitimierte Rechtssysteme und die geltenden Machtverhältnisse in Staaten dieser Welt. Drogendelikte und ihre unterschiedliche Handhabung in Staaten (selbst Staaten innerhalb der Vereinigten Staaten) verdeutlichen eine gesellschaftliche Ko-determination von Recht, Rechtsprechung, Rechtausübung, Rechtdurchsetzung und des staatlichen Gewaltmonopols. Eine Ausstellung im Arsenal (Bibliothèque nationale de France) zur Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich vor 40 Jahren zu Ehren von Robert Badinter, einer treibenden Kraft und eloquentem Redner, bot eindringliche Bilder eines langen Kampfes zur Abschaffung einer brutalen Prazis der Bestrafenden. Eine traurige Ironie des Schicksals ist die nahezu gleichzeitige Abschaffung der Todesstrafe in der DDR mit der Hinrichtung von Werner Teske, einem fluchtwilligen, enttarnten Spion zu Mauerzeiten. Auf Spionage steht in noch mehr Ländern die Todesstrafe als außerordentlicher Tatbestand. Aktuelle Berichte aus Berlin, Tiergartenmord, Vergiftung in London oder Wikileadsgefährdungen lassen die langen Arme von Geheimdiensten auch heute fürchten. Die größte gesellschaftliche Gefahr findet dann in sich entkoppelnden Rechtssystemen statt, die quasi von sich aus Prozeduren starten und durchführen, die nicht mehr an die anderen gesellschaftlichen System, wie freie Presse, Parlamente und Wissenschaft angebunden sind. Die verschlossene Atmosphere des „Arsenal“ in Paris steht in starkem Kontrast zu der Weltoffenheit mit der sich die anderen Teile der Bibliothèque de France „Francois Mitterand“ präsentiert. Fortschritt braucht oft Jahrhunderte und ist vor Rückschlägen nicht sicher.

Eingang Bibliothèque Arsenal
Es war einmal

Desinformation

Mit jeder nächsten anstehenden Wahl, auch Betriebswahlen, Sozialwahlen, Regionalwahlen, Bundeswahlen und Präsidentschaftswahlen ist Desinformation und „Hate speech“ ein wiederkehrendes Thema. Daher aus aktuellem Anlass der Vorwahlen in Frankreich der Präsidentschaftskandidat*innen: Es war als ein gutes Zeichen zu werten. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in 2020 hatte die erste Ministerrunde mit JustizministerInnen stattfinden lassen zu dem Thema Desinformation, Hetze und Hassrede im Internet. So berichtete bereits die Tagesschau am 6.7.2020. Die Strategien zur Gewinnung von neuen Unterstützern und stillen Tolerierenden von Hassrede oder Anhängern von Verschwörungsideologien werden ständig raffinierter (Bericht hier). Daher ist eine geschlossenere Vorgehensweise in Europa dringend nötig, um dem entschieden zu begegnen. Neben der Verantwortung der Giganten der sozialen Medien, die zu lange alles einfach laufen ließen kann nur ein verlässlicher Rechtsrahmen innerhalb der EU weiterhelfen. Den einzufordern, können wir nicht den Betroffenen überlassen. Das ist zivilgesellschaftliche Pflicht.
Da Menschenrechte nicht an der Unternehmenstür oder in der Umkleidekabine abgegeben werden, stehen Unternehmen in der Pflicht, beispielsweise mit einem Verhaltenskodex auf Fehlentwicklungen zu reagieren, besser noch diesen bereits vorzubeugen. Der Hamburger Hafen hat dazu vor einigen Monaten eine Initiative vorgelegt und ein beispielhaftes Dokument zur Bedeutung der Menschenrechte im Betrieb erstellt. Der Verhaltenskodex ist umfassend. Nachahmen erwünscht. „Wir treten daher jeder Form von Belästigung, Mobbing und Diskriminierung entschieden entgegen. Wir achten alle Kolleginnen und Kollegen unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Ausrichtung, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrem Alter, ihrer körperlichen Konstitution und ihrem Aussehen.“ (https://hhla.de/fileadmin/download/investoren/corporategovernance/HHLA_Verhaltenskodex-2017.pdf)
Betroffenen Personen von Hassrede weiterzuhelfen, bleibt eine wichtige Aufgabe. Hier übernehmen Stiftungen, insbesondere die Amadeu-Antonio-Stiftung eine wichtige Rolle. Auch bei „Hateaid“ wird den vielen Betroffenen und Eingeschüchterten geholfen. Es braucht Unterstützung von vielen Personen, damit Hassrede keine Verletzungen hinterlässt.

Hate Speech Perception
copyright Magritte Musées Royaux des Beaux-Arts

Kunst im Bahnhof

Am 30.11.2021 gab es Installationen und Musik am und im Bahnhof in Brüssel Central zu bewundern. Viele Menschen, die nur zufällig dort vorbeilaufen in der Rushhour der Stadt ab 17 Uhr waren zunächst überrascht. Einige verweilten eine kleine Weile. Interessant die Möglichkeit, erst draußen der Light-show mit Techno und spärischen Klängen zu lauschen und dann innen in der historischen Halle mit Kriegsdenkmal für Gefallene der beiden Weltkriege der Eisenbahner, den Opernsänger*innen und dem Orchester zuzuhören. Eine gelungene Inszenierung und eine Feierstunde für die Bahnhöfe als Begegnunsorte. Der Soziologe bemerkt nebenbei, die Faszination der Jugend für die Light-show mit Techno und der deutlich höhere Altersdurchschnitt der Verweilenden bei der klasssisch anmutenden begleiteten Gesangsvorträge der „Mitreisenden“.
Gesellschaft ist, wenn sich beide Gruppen tolerieren und einander befruchten. Ein Aufmerksamkeitswettbewerb findet eh statt. Der eilige „Commuter“ lässt sich nur kurz von seinem Weg abbringen und wuselt weiter durch die Menschenansammlungen. Mehr Kunst am und im Bau/Bahnhof tut uns allen gut.

Brüssel feiert die Bahn
Bahnhof Brüssel Central

Imagine ein neues Narrativ

Die Eisenbahn, wie der Name bereits schon so schön sagt, hatte das Image des metallischen Stahlrosses, welches sich mit möglichst energie-geladener verheizter Kohle seinen Weg durch Städte und Landschaften frisst. Gleichzeitig wurden die Arbeitenden dieses Industrie- und Wirtschaftszweigs rasch zu wichtigen Streitenden für sozialen Fortschritt. Einst ließ sich Alfried Krupp noch das nahtlose Eisenrad(1853) patentieren und schon einige Jahrzehnte später hatte die Eisenbahn die europäische Landschaft entscheidend verändert. Das heiße Eisen ließ auch die Kunstschaffenden nicht kalt. Im europäischen Jahr der Eisenbahn 2021 ist die Ausstellung „Voies de la modernité“ in Brüssel sicherlich ein Imagination-beförderndes Event. Vor 175 Jahren wurde die Strecke Paris-Brüssel eröffnet. Die größten Maler (ja fast alle Männer) haben sich diesem technischen Monstrum und seinen Auswirkungen gewidmet. Die Malenden visualiseren Faszination und Schrecken dieser gewaltigen Maschinen. Claude Monet ist mit 3 Bildern vom Gare Saint-Lazare (1877) in Paris vertreten. Auch Gustave Caillebotte, nicht als Mäzen und Sammler von u.a. Monet, sondern als Maler hat 2 sehr unterschiedliche Bilder zum Thema Eisenbahn geschaffen. Sein Gemälde „Paysage à la voie de chemin de fer“ von 1872 lässt den Betrachter von oben herab auf die Bahn und Schienen blicken, die schmerzlich eine Schneise durch die Landschaft schneiden. Das Brückengeländer sollte vielleicht noch den Fortschritt aufhalten. So viel größer ist doch die Natur, gesehen aus der erhöhten Perspektive. Die Fotografie vorwegnehmend wendet Caillebotte bereits die Konstellation, scharfer Vordergrund und Unschärfe im Hintergrund an (Bild 1). Was das Zeitalter der Eisenbahn noch bedeuten sollte, bleibt dabei schemenhaft. Es zeichnet sich der Wechsel des Narrativs vom „bedrohlichen Monstrum“ hin zur Koexistenz ab. In Monet’s Gare Saint Lazare (1877) steckt noch Gespenstiges in den Rauchschwaden der bewegten schwarzen Dampfmaschinen samt ihrer Reisenden (Bild 2). Caillebotte (1885) „Le Pont d’Argenteuil“ lässt sich die impressionistische Stimmung nicht durch die eiserne Brücke trüben. Er nutzt einer Kamera nachempfunden den Blick unter der Brücke durch auf die Schiffe, bei denen das dampfgetriebene Schaufelrad, die romantische Sicht des Schiffsbauers Caillebotte auf die Seine bei Argenteuil nicht sonderlich stört (Bild 3). Der Fußgänger auf der Brücke nahe dem Geländer nutzt die Brücke zum Überqueren der Zeitalter und sammelt Impressionen. In weiser Vorahnung lässt sich die Dominanz der Technik über die Natur ablesen, einschließlich des manchmal faszinierenden, geometrischen Formen- und Farbenspiels der Brückenbauten. Das Fortschrittsnarrativ verändert sich langsam durch soziale Bewegungen, wie die starke Gewerkschaftsbewegung unter den Eisenbahnern (in der Ausstellung durch Poster repräsentiert) und der Kriegs- und Deportationsnutzung von Zügen. Heute hat sich das Narrativ von dem einstigen Symbol der Beschleunigung, hin zu dem möglichen ökologieverträglichen Mittel der Entschleunigung, Nachtzug fahren statt Flugreise, gewandelt. Kunstschaffende öffnen uns die Augen und sind oft Vorreiter für sich verändernde Narrative. Benjamin Péret (1936) hatte seine Vision des Sieges der Natur viele Jahre vor der Realisierung seiner Imagination auf dem Berliner Südgelände in Schöneberg hinter dem ICE-Bahnhof Südkreuz. Eine gelungene Ausstellung in den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique. Schade, dass die Bilder nicht selbst weiterreisen können, sondern wir noch zu ihnen reisen müssen. Die Besucherinfo in schwarz-weiß zur Ausstellung gibt es hier (F).

Responsible Design

In der einseitigen Kulturseite der Financial Times wird am 26.10.21 auf eine Ausstellung im Design Museum in London hingewiesen. „Waste Age – What design can do“ heisst die Challenge. Es reicht von „Fast Fahion“ bis „technologische Obsolescence“. Warum diese kurzlebigen Produktzyklen? Nach unserem „waste age“ kommt dem Artikel gemäß das „precious waste“- age, also die Phase in dem aus Abfall Werte geschaffen oder zurückgewonnen werden. Das kennen wir unter Recycling und Upcycling bereits. Für Reisende in Zügen sind die Austellungen in Bahnhöfen zu „ZeroWasteArt“ sicher ein Begriff. Solches Imagineering oder Re-imagining brauchen wir mehr und mehr. Daran werden wir nicht vorbeikommen, schon allein aus Respekt vor den Chancen für zukünftige Generationen. Unsere Müllberge wegräumen sollten wir nicht der nächsten Generation aufbürden. Atommüll wird noch unzählige Generationen beschäftigen müssen. Das werden diese sich nicht ausgesucht haben. Denken in der Grammatik des Futur II ist Ökologie pur. Versuchen wir es mit „less is more“ und Reduktion auf das Wesentliche.

aus FT 26.10.21 www.Designmuseum.org

Camille Saint-Saens

Opern und Opernhäuser haben Europa schon seit Hunderten von Jahren verbunden. Das zeigt die Opéra Garnier in Paris (Visit) eindrücklich mit der Ausstellung zum 100. Todestag von Camille Saint-Saëns (webseite). Mit dem Titel „Ein Freigeist“ wird der Lebenslauf des hervorragenden Pianisten und Komponisten gut zusammengefasst. Seine Reisen in Europa und darüberhinaus haben sein Werk sehr bereichert. Die mit seiner Musik unterlegte Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Bibliothèque nationale de France (Stöbern) hat viele Handschriften, Briefe und Originale von Partituren in der Auslage. Das erlaubt eine tolle Gesamtschau auf die Persönlichkeit. Zeit zum Entdecken der Musik sollte im Gepäck sein. Das ausgeliehene Tablett für die gesamte Erkundung des Opernhauses und der Sonderausstellung ist sein Geld wert. Ein Einblick in die Netzwerke, Beziehungen, Mäzene, Musik- und Literatursalons der Zeit wird ebenso deutlich, da Camille Saint-Saens eine erfolgreiche und einflussreiche Persönlichkeit im französischen und europäischen Zusammenhang geworden ist, nach schwierigen Zeiten in seinem jungen Erwachsenenalter als SDF (sans domicile fixe). Eine Würdigung (Vorwort) des Lebens und Werks von Frédéric Chopin gehörte zu seinen Verdiensten. (Eduard Ganche & Camille Saint-Saens 1913).

Imagine there’s no heaven

Seit tausenden von Jahren stellen sich Menschen vor, wie es wohl im Himmel aussehen könnte und wie sich ein Platz neben den Göttern ergattern ließe. Der weltbekannte Talkmaster Larry King von CNN wird mit folgendem Witz zitiert: Wenn ich Gott interviewen könnte, würde ich ihm die Frage stellen: Haben Sie einen Sohn? Das würden Christen vielleicht als einen Afront bezeichnen, denn die Dreieinigkeit ist seit dem frühen Mittelalter fester Bestandteil der christlichen Doktrin. Auf Wanderschaft in der Ferienzeit bin ich erneut auf einen der frühen Europäer gestoßen, der mit seiner Wanderung und Gründung von Klöstern einen bleibenden europäischen Mehrwert geschaffen hat. St. Colomban, dessen Klostergründungen im 6. Jahrhundert stattfanden, hat einen Pilgerweg und Orden von Irland über Frankreich nach Italien begründet. Heute bekannt als die Benektiner(innen)klöster hat sich eine christliche Gastfreundschaft erhalten, die sich gut als europäische konstituierende Idee eignet. „Empfange einen fremden Menschen wie den Christ“. Die Regula Benedicti hat darin einen zukunftsweisenden Kern, der jedoch kaum noch durchzuhalten ist. In der Abbaye Notre Dame de Jouarre gibt es noch die Pforte für die Armen und Bedürftigen, die Worte des Willkommens, Unterkunft und Verpflegung suchen. Viele in der Nachbarschaft wissen kaum noch um diese gelebte Barmherzigkeit in Zeiten von Parallelität von großem Reichtum und bitterer Armut. Jenseits von Religionen und Religiosität ist gelebte Nächstenliebe eine wirklich schwere Herausforderung angesichts der Vielfalt der Nöte im modernen Kapitalismus. Historisch wertvoll und gut erhalten ist die „crypte“ mit dem Sarg des ersten Abtes (Bilder). Unser europäisches, kulturelles Erbe ist ein reichhaltiger Fundus an guten Beispielen und großen Irrtümern. Den müssen wir uns immer wieder neu erschließen. An brauchbare Ideen anknüpfen, aber auch übertrieben nationalistische Anknüpfungspunkte verwerfen. Geschichte ist damit eine kontinuierliche Aufgabe, Ideengeschichte auf den Prüfstein zu stellen. Da müssen wir dranbleiben und wachsam bleiben.

Prävention

Ach würden wir uns doch viel mehr um Prävention in der EU kümmern, wir könnten so viel Leid und Geld sparen. Sogenannte externe Kosten des Verkehrs, des Klimawandels und des Stresses im Arbeitsleben könnten stark eingeschränkt werden. Wichtig ist dabei Ernährung und Lebensstil. Zuviel an Zucker, Salz, freie Radikale und Histamine verleiden uns längerfristig den Alltag. Dabei wäre Prävention viel einfacher bei einer genauen Kennzeichnung von Lebensmitteln. Hohe Histaminfreisetzungen nach Verzehr von verarbeiteten Lebensmitteln ist wenig aufgeklärt. Einigen Weinkonsumenten ist ihre frische Rötung bei Weingenuss bekannt, andere bekommen Nießanfälle und sich verstärkende allergische Reaktionen. Die Kennzeichnung in der EU wäre daher sinnvoll. Ein älteres Forschungsergebnis von 2010 wies bereits auf die Möglichkeit einer Einführung eines Grenzwertes hin. Jedoch wäre 1/3 aller getesteten Weine über diesem Grenzwert. Die vielen Allergiker oder Histaminintoleranten könnten unbedenklich genießen und weniger nießen. Das Europa der Weinanbauenden und Weintrinkenden könnte gesünder sein. Wir sind wohl führend im Histaminexport, naja. Wohl den Gesunden, die das gut vertragen. In meinem moselländischen Herkunftsort heisst es dazu: Sankt Stephanus sät, se sollen sich satt saufen. Frage, wie lautet der Ort mit der diesem Heiligen gewidmeten Kirche im Dorf mit angeblich abgekürzter Inschrift. Lösungshinweis!

Klima nicht prima

Die sehr drängende Tatsache des Klimawandels erfordert echtes Handeln. Leider sind die deutschen und französischen Aktivitäten auf diesem Gebiet am besten mit „cheap talk“ beschrieben. Die jeweiligen Regierungen lassen sich in Deutschland zuletzt sogar vom Bundesverfassungsgericht antreiben, in Frankreich von Empfehlungen der partizipativ gestalteten Bürgerbeteiligung. Gut aufgearbeitet ist das in dem Beitrag vom 26. Mai 2021 von Audrey Mathieu und Neil Makaroff in den Böll-Nachrichten. Ambitionierte Versprechungen haben in der Vergangenheit, siehe Dieselskandal, viel Ausweichmanöver zur Folge gehabt und scheinen dem Verständnis der derzeitigen Regierung bestenfalls zukünftige Regierungen zu betreffen. So ist das auch bei der Staatsverschuldung, Renten und großen Infrastrukturvorhaben. Alles soll dann die nächste Regierung bzw. Regierungskoalition richten. Die lässt sich aber eventuell überhaupt nichts von den vorherigen Regierungen auftragen. So bleibt von diesen Versprechungen nur, es geht viel Zeit verloren. Es wird recht erfolgreich der Schein erweckt, wir packen es an, aber in der Realität hatten wir Glück im Unglück durch die Corona-Pandemie. Allein dadurch wurde ein beschleunigter Klimawandel etwas verzögert. Es hat uns jedoch gezeigt, das drastische Einschnitte machbar sind und Wirkung erzeugen. Das wurde vielfach bezweifelt. Ein Verzicht auf Flugreisen in der deutsch-französischen Freundschaft kann schmerzhaft aber beispielhaft sein. Es gibt doch soo viel auf dem Landweg zu entdecken. Freundschaft lebt auch von gemeinsam gestalteter Entschleunigung. Im Museum der Burg Arras nahe der Mosel bei Alf haben wir eine besinnliche Entschleunigung erlebt. Der steile Weg zu Fuß dorthin ist eine glänzende Vorbereitung auf das Verweilen in der gemeinsamen Geschichte. In Mitten von Wäldern lässt sich noch erleben, was wir uns mit dem hohen Kohlendioxid und Methanausstoß antun. Klima kann so prima sein.

Friedensdienst

Heute, wie bei allen Kriegen, stellt sich die Frage, kann der Dienst mit der Waffe als Friedensdienst gelten. Wenn ja, ist der Preis dafür jedoch sehr hoch. Die Verrohung im Militärdienst verlangt eine besondere Begleitung und Charaktereigenschaften, die es ermöglichen, mit Abstand auf die eigenen Taten zurück zu blicken. Die Ich-Erzählung von Yishai Sarid in „Siegerin“ wird bereits vielfach rezensiert. Die komplexe Lage des Vorbereitens auf das Töten und die Nachwirkung des gleichen Akts sind Faszinosum des Buches. Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung) spricht aber auch die Gefahr des Blutrausches an. Genau dadurch entsteht die Verselbständigung des Tötens und Radikalisierung als vermeintlicher Friedensdienst. Die jüngst von Bundespräsident Steinmeyer angesprochene Verrohung der Gesellschaft in den letzten Jahren in Deutschland verlangt wohl mehr Friedensdienst im Sinne von Zivildienst und Dienst am Mitmenschen, statt die Ausweitung der Vorbereitung aufs Töten, wie sie der französische Präsident Macron wieder einleiten möchte. Frieden schaffen ohne Waffen bleibt die große Herausforderung vor der jede Generation wieder neu steht. Die von Gerrit Bartels im Tagesspiegel (21-4-21 s.u.) angesprochene „Philosophie der Stärke“ kann jedoch zur entscheidenden Verwundbarkeit werden. Aufbauend auf Peter Schäfer zeigt die „Kurze Geschichte des Antisemitismus“, die historisch anmutende Angst vor selbstbewussten Juden und schürt gleichzeitig den Hass auf die Juden (S. 295). De-eskalation durch Friedensdienste und Völkerverständigung scheint ein möglicher Ausweg aus der Gewaltspirale zu sein. Außer „cheap talk“ hat Europa dazu wenig als Konfliktvermittler anzubieten. Aber genau das könnte auch eine Chance für einen Friedensdienst sein. … talk, talk,talk.

Existenz

In der existenzialistischen Richtung der Philosphie lässt sich viel französische Literatur finden. Unvergessen, Albert Camus, der gerade in Coronazeiten wieder lesenswert ist. Simone de Beauvoir hat mit „Le deuxième sexe“ mehrere Generationen beeinflusst. Das ist immer wieder neu zu entdecken, auch heute wieder als Teil eines europäischen Kanons der Literatur und Imagination. Zeitungslektüre kann einen manchmal zurückwerfen auf existenzielle Fragen auf ganz unverhoffte, nicht intendierte Weise. Das passierte mir mit der Lektüre von „Le Monde“ 18.5.21. Dort lautete die Überschrift des Beitrags von Ilan Greilsammer „Où nous sommes-nous trompés ?„. Am Ende fragte ich mich „oú nous sommes ? Nous ! en Europe ? Eine gute Antwort auf diese Frage fand ich gleich im folgenden Artikel von Jean-Pierre Stroobants. „Israel-Palestine : l’Europe paralysée par ses divisions„. Ein weiterer Artikel zum Thema beschreibt „le fossé n’a jamais été aussi profond entre Jérusalem-Est et Jérusalem-Ouest„. Vielleicht hilft da nur das Lied der Beatles „Imagine“ mit dem Textanfang:
„Imagine there’s no heaven. It’s easy if you try. No hell below us. Above us only sky …“. Radikal in seiner Vorstellung Himmel und Hölle aus der Vorstellung zu verbannen. Als Lösungsansatz für den religiös überhöhten Ort Jerusalem für alle Glaubensgemeinschaften sicherlich eine unerhörte Herausforderung. Rückbesinnung auf unsere ureigentliche Existenz, im Sinne einer humanistischen Existenz könnte hilfreich sein. “ You might say I am a dreamer …“

Klarer mit Klara

Kazuo Ishiguro führt uns wieder einmal beispielhaft vor, was mit der Methode „imagination“ geleistet werden kann. Aus Sicht der Techniksoziologie (see Bijker et al.) befasst sich der Autor in seinem neuen Roman „Klara und die Sonne“ mit der sich verändernden Dienstleistungsgesellschaft. Künstliche Intelligenz als „Disruption“ kann vielleicht Betreuungsarbeit ergänzen, oder gar ersetzen. Sehen wir wirklich klarer mit Klara? Bietet uns Kazuo mittels Klara besseres Verständnis von künstlicher Intelligenz? Sollen wir uns tiefergehend an Maschinen als persönliche Dienstleister gewöhnen? Die Antworten darauf bietet der Ich-Erzähler-Roboter jedoch nicht wirklich. Er lädt uns aber auf eine angenehmene, einladende Weise ein, uns mit diesen Fragen zu befassen, bevor wir keine Wahl mehr haben werden. Mit Imagination wird vom Autor dabei ein literarisches Szenario entworfen, das durch emotionale Einbindung funktionert. Die Diskussion in den Feuilletons (perlentaucher; Süddeutsche + Interview) und DLF-Radio weist auf ein geteiltes Medienecho hin. Dass aber die Financial Times ein Loblied singt, samt „Spoiler“ vorab die Pointe zu verraten, sollte uns aufmerksam werden lassen. Vielleicht ist es keine so weit entfernte Fiktion mehr. So bleibt für den Techniksoziologen der Aufruf: Nutze die Technik, aber mit doppelter Wachsamkeit welche Daten, auch über Emotionen, wir preisgeben wollen. Wir werden uns wohl mehr als ein „Pokerface“ zulegen müssen. Schauspielerische Kompetenzen könnten überlebenswichtig sein im Zeitalter von „Alexa ist überall„. Nach dem Roman zum ergebenen Dienstleister „Was vom Tage übrigblieb“ setzt Kazuo Ishiguro nun die kritische Auseinandersetzung mit Diensten am Menschen und was es mit den Menschen macht kreativ fort. Insgesamt ein beeindruckendes Spiel mit und Beispiel der Methode Imagination.

Less can be more

The recent study published in „Nature“ draws our attention to the apparent cognitive phenomenon, that „people systematically overlook subtractive changes„. The paper highlights the phenomenon, but the old question of „nature or nurture“ is particularly important here. Overlooking subtractive changes could simply be the result of decades of schooling looking for additive solutions like building up a puzzle or simplistic growth paradigms in economics. Also for mobility and climate change we probably have to socialize pupils and train future generations much more in testing also subtractive changes. There might be a cultural bias as part of the nurturing children and their imagination. Training to think of solutions involving less resssources, stress or time is a landmark global development project. It is not effortless to even think of fasting, abstention or reductions as better solutions than just adding something. „add blue“ to clean diesel engines did not really provide an effective answer in the past. Hence, a constitutive part of the „imagination method“ needs to be the inclusion of subtractive opportunities or thinking. Did I really have to write this blog? Yes I am still very much captured in the additive thinking mode. Thanks for the reminder. Theory is nice but implementation is so much harder. From imagine4D to 2D read on here.