Kollaboration

Kriege hinterlassen tiefe Wunden, bei allen Beteiligten. Die binäre Logik der Unterteilung in Siegende und Besiegte ist vielfach nicht ausreichend. Die Wunden selbst bei denen, die gesiegt haben vernarben nur langsam mit dem Risiko, dass sie nach Jahrzehnten erneut aufbrechen. Das schwierig zu bewertende Thema der Kollaboration innerhalb der Besiegten (bspw. Belgien und Frankreich) und dann Siegenden im 2-ten Weltkrieg verdeutlicht das. Die Literatur in Frankreich und Belgien zur Definition und Nachverfolgung der Kollaboration zeigt die Problematik auf. Das Vichy-Regime (nicht ganz Frankreich) hat kollaboriert mit immer weniger wirklichem Widerstand gegen das Verbrecherregime der Nazis (15.8.1945, Maréchal Pétain condamné à mort). Selbst die Kirche im gespaltenen Frankreich mit kollaborierender Regierung in Vichy und Exilregierung in London hat diesen Spagat vorgeführt. Ohne die vielfältigen Formen der Kollaboration wäre das Naziregime wohl schneller zusammengebrochen oder die anfängliche Ausdehnung hätte schneller gestoppt werden können. Andererseits wären die Grausamkeiten und Strafaktionen der Nazis auch noch größer gewesen, jenseits ohnehin schon unfassbaren Ausmaßes. Viele Personen, die Herrschaft indifferent gegenüberstehen arrangieren sich mit den jeweiligen Machthabenden auf die eine oder andere Weise. Überleben, wenn man nicht zum heldenhaften Verhalten neigt, wird zur drängenden Frage. Was ist der Familie zumutbar? Wie stehe ich vor meinem Gewissen da? Diese Fragen stellen wir uns heute eher nicht. Nur wenn wir nach Bosnien-Herzegowina, die Krim und in die Ukraine blicken stellen sich diese Fragen wieder. Ist die 2-te Gaspipeline von Russland schon Kollaboration mit einem Unrechtsregime oder nur Sicherung der nationalen Energiesouveränität oder gar „Wandel durch Handel? Die moralischen Dilemmata bleiben die gleichen, Diplomatie bleibt die Antwort. Verhandeln. Menschlichkeit als gelebter Humanismus bleibt die Antwort, wenn Rechtskontext, Rechtsprechung und Rechtsvollzug in der internationalen Politik nicht mehr wirkmächtig sind. Für nachwachsende Generationen ist es eine schwierige Herausforderung, einzelnes Handeln und Verhalten zu kontextualisieren. Aber das ist unsere Verantwortung in und für Europa:  Kontexte verständlich zu machen und Vereinfachungen vorzubeugen. Binäre Logik ist selten zutreffend, obwohl künstliche Intelligenz letztlich darauf beruht, alles in 0-1-Schemata zu pressen. Das Farbensehen mit all seinen Varianten und Nuancen ist wohl eine Stärke unserer Spezies. Unsere Urteilsfähigkeit sollte davon beeinflusst werden und populistischen Strömungen mit grellen Farben und 0-1 Vereinfachungen widerstreben. Ausgewählte vertiefende Literatur zum Thema im pdf-file (s.u.).
Der geschichtssoziologische Blick interessiert sich nicht nur für die Lebensverläufe von Personen, sondern auch von Personen in spezifischen nationalen Kontexten, Regionen innerhalb von Staaten, Wirtschaftssektoren (Krupp) oder konfessionellen Zusammenhängen. Die Kontextabhängigkeit von individuellem Handeln wird dabei besonders deutlich, aber eben auch die Möglichkeit, Mut und Größe zu beweisen. Heute nennen wir das Zivilcourage basierend auf weisem Urteilsvermögen.